Wissenschaftliche
Perspektiven:
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl
von Untersuchungen aus der Forschung, die darauf
hindeuten, daß psychotherapeutische Vorgehensweisen
einen meßbaren Einfluß auf den Hirnstoffwechsel
haben und zu dauerhaften Veränderungen führen.
In diesem Sinne lassen sich Parallelen zu medikamentösen
Eingriffen ziehen.
Grundsätzlich muß man
davon ausgehen, daß verhaltenstherapeutische,
kognitive oder andere psychosensitiv modulierende
Heilverfahren über einen reaktiven Prozeß
zu neuen Verschaltungen in diversen Hirnarealen
führen oder sogar ein neuronales Wachstum
bestimmter Zielbereiche initialisieren.
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Das
jüngste Beispiel für eine nachweisbare
zerebrale Umstrukturierung liefern Neurobiologen
vom Baycrest Center for Geriatric Care
in Toronto in der Ausgabe 1/2004 des Fachblatts
"Archives of General Psychiatry". Die
Forscher um Helen Mayberg hatten bei
14 Patienten mit Depressionen untersucht, wie
sich ihr Hirnstoffwechsel durch eine kognitive
Verhaltenstherapie ändert.
Die Neurowissenschaftler hatten ihre Patienten
vor und nach einer Folge von 15 bis 20 Sitzungen
mit der Positronen-Emissions-Spektroskopie untersucht.
Als Ergebnis fanden sie eine Verlagerung der Hirnaktivität.
In dem für Verhalten, Emotionen und Triebe
zuständigen limbischen System nahm die Aktivität
zu, während sie in Teilen der mit Denkvorgängen
verbundenen Großhirnrinde abnahm.
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Auch
die moderne Neurobiologie stellt
zunehmend fest, daß es sich bei dem menschlichen
Hirn um ein reaktives Organ handelt, in dem sich
Erfahrungen manifestieren. Das Gehirn reagiert
nicht bloß auf Veränderungen. Es verändert
sich mit den veränderten Strukturen und strukturiert
sich selbst um.
Der Göttinger Neurobiologe Gerald
Hüther hat dies an Ratten nachgewiesen.
Verschiedene Erfahrungen führen hier zu verschiedenen
Hirnstrukturen. Nach Hüthers Ansicht ist
davon auszugehen, daß beim Menschen vergleichbare
Anpassungsprozesse noch wesentlich dramatischer
sein müssen - aufgrund der stärkeren
Flexibilität und bedeutsameren Reagibilität
des menschlichen Hirns.
Das viel beachtete und von einem
Medienhype begleitete Human Genom Projekt, das
schon der Zellforscher Friedrich Cramer
als "uninteressant" und "völlig
veraltetes Konzept" abgetan hat, erscheint
zumindest in seiner Aussagekraft für Persönlichkeit
und Charakter recht gering.
Hüther nennt weiter
als Beleg für seine Thesen als Beispiel eine
Reihenuntersuchung an Taxifahrern aus London,
bei denen man mittels neuer Verfahren messen konnte,
daß das Zentrum für räumliche
Vorstellung, der Hypothalamus, umso größer
ist, je länger jemand Taxi fährt. Erleben
formt also das Gehirn.
Hüther: "Ich
kann das auch erst denken, weil in den letzten
zehn Jahren in der Hirnforschung so viel passiert
ist."
"Das Menschenhirn ist so wenig
wie möglich genetisch geprägt, damit
wir so viel wie möglich lernen können".
Damit hat der Mensch auch einen Ansatzpunkt, sein
Verhalten, seine Persönlichkeit mittels bestimmter
Techniken zu verändern.
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Auch
Prof. Dr. Wolf Singer vom Max-Planck Institut
für Neurophysiologie beschreibt die Flexibilität
und strukturelle Veränderbarkeit zerebraler
Strukturen:
„Bei früh Erblindeten kann
es vorkommen, daß Hirnrindenareale, die
eigentlich mit der Verarbeitung visueller Signale
befaßt sind, die Auswertung taktiler oder
akustischer Signale übernehmen. Blinde, die
Braille lernen - also mit den Händen lesen
-, benutzen einen Teil der normalerweise für
das Sehen zuständigen Hirnrindenareale, um
die taktilen Muster zu dechiffrieren. Die Funktionen
von Hirnrindenarealen sind also durch Deprivation
in Grenzen verschiebbar.“
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Das
Gehirn von Erwachsenen hat mehr Wachstums-
und Veränderungspotenzial als gedacht.
Neuroforscher vermuteten bislang,
dass allenfalls wenige Zellen etwa nach einer
Verletzung nachwachsen. Ansonsten schien das Gehirn
jenseits des Jugendalters zum kontnuierlichen
Abbau verdammt.
Ein Neurologenteam um Arne May
und Christian Gaser von den Universitäten
Regensburg und Jena berichtet am 21.01.04
in "Nature", dass ein Geschicklichkeitstraining
das Gehirn wachsen lässt. Die Forscher hatten
Testpersonen Jonglieren lernen lassen und untersuchten
mit einem Magnetresonanztomographen Veränderungen
in der Gehirnstruktur.
Nach drei Monaten des Übens hatte die graue
Hirnsubstanz in der so genannten linken hinteren
Furche von beiden Hirnhälften an Masse gewonnen.
Dort werden die Wahrnehmung von bewegten Objekten
und das Ergreifen von Gegenständen verarbeitet.
Nachdem die Probanden für drei Monate das
Training aufgegeben hatten, bildete sich der Hirnzuwachs
teilweise zurück. Bei Probanden in einer
Kontrollgruppe ganz ohne Training blieb das Gehirn
unverändert. |
Weiterhin
gibt es Untersuchungen, die einen Zusammenhang
zwischen Motorik und Persönlichkeit nachweisen.
Als eine der jüngsten Studien zu diesem Thema
sei jene von Olaf Morgenroth (TU
Chemnitz) angeführt.
Experten beobachteten 6.000 Menschen
in zwanzig Städten Deutschlands. Sie kamen
zu dem Ergebnis, daß aus dem Gehtempo eines
Menschen auf seine Werte oder Stimmungen geschlossen
werden könne. Ein höheres Gehtempo bevorzugen
Menschen, die ihr eigenes Glück in den Vordergrund
stellen und zum Kreis der Besten zählen wollen.
Personen, die der Zukunft wenig Interesse entgegenbringen
oder depressiv sind, ziehen eine langsamere Gangart
vor.
Diese Studie beschäftigt sich
mit der Grobmotorik. Es liegt nahe, daß
dann für die feinmotorische Ebene ein noch
deutlicherer und unmittelbarer Zusammenhang hergestellt
werden muß.
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Man
kann heute mit Recht annehmen, daß die Flexibilität
und die Anpassungsfähigkeit des Gehirns die
Basis für einen zeitlebens mehr oder weniger
(wahrscheinlich mit zunehmendem Alter weniger,
aber nicht gegen den Nullpunkt gehend) Entwicklungsprozeß
darstellt.
Der Mensch ist nicht ein eindimensionales Wesen,
er ist nicht Knecht seiner Gene, sondern vor allem
dank seines flexiblen Hirns äußerst
anpassungs und modulationsfähig.
Der Gedanke, daß man die Persönlichkeit
eines Menschen, seine Neigungen, Eigenschaften,
seine Bedürfnisse, seine Eigentümlichkeiten
und Besonderheiten beeinflussen, verändern
und in eine bestimmte Richtung lenken kann, so
daß schließlich gar eine dauerhafte
Umgestaltung stattfindet, ist nicht etwa abwegig,
sondern vielmehr naheliegend.
Es ist an der Zeit, die in dieser
Hinsicht therapeutischen Möglichkeiten zu
nutzen, und die Graphotherapie ist hier ein fruchtbarer
Ansatz.
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